Liebe Kolleginnen und Kollegen,
die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Mit 50,4 Prozent ist in Bayern erstmals mehr als die Hälfte der zahnärztlich Tätigen weiblich. Tendenz weiterhin stark steigend. Dennoch spiegelt sich diese Realität in den politischen Gremien nicht wider. Zwar steht mit dem Präsidenten und mir zum ersten Mal ein gemischtes Duo an der Spitze der BLZK, doch wir beide sind der Meinung: 24 Prozent weibliche Delegierte in der Vollversammlung sind zu wenig – das wollen wir ändern!
Im Vorfeld der anstehenden Kammerwahlen richte ich daher einen klaren, verbändeübergreifenden Appell nicht nur, aber ganz besonders, an die Kolleginnen: Stellen Sie sich zur Wahl. Bringen Sie sich ein. Gestalten Sie mit.
Ein Blick über den Tellerrand lohnt sich. Die diesjährige Kommunalwahl in Bayern wurde von der überparteilichen Kampagne „Bavaria ruft“ begleitet – angeführt von Landtagspräsidentin Ilse Aigner mit dem Ziel, Frauen zur Kandidatur zu motivieren. Dieser Impuls zeigt: Beteiligung fällt nicht vom Himmel. Sie braucht Ansprache, Ermutigung und Vorbilder.
Auch in der Zahnärzteschaft verfügen wir über genau solche Vorbilder. Frauen und natürlich auch Männer, die sich neben dem Zahnarztberuf um Kinder oder pflegebedürftige Angehörige gekümmert haben. Ich selbst habe beispielsweise als Zahnarzthelferin begonnen, mich später in eigener Praxis niedergelassen, gleichzeitig drei Kinder großgezogen und arbeite schließlich noch immer als angestellte Zahnärztin. Aus dieser Erfahrung weiß ich, dass die Vereinbarkeit von Praxis und Familie kein theoretisches Konzept ist, sondern tägliche Herausforderung – und zugleich eine enorme Quelle an Kompetenz. Denn wer diesen Spagat meistert, bringt Organisationstalent, Durchhaltevermögen, Krisenfestigkeit und Entscheidungsstärke mit. Diese Fähigkeiten unserer Leistungsträger sind hervorragende Voraussetzungen, um die Zukunft unseres Berufes aktiv zu gestalten. Und sie sind mit Sicherheit ein besseres Auswahlkriterium als eine Quote.
Uns geht es nicht „nur“ um Gerechtigkeit und Repräsentanz. Es geht um Erfolg für unseren Berufsstand! Studien, zum Beispiel von McKinsey, belegen eindeutig, dass gemischte Teams weitaus erfolgreicher sind als rein männliche oder auch rein weibliche Monokulturen. Unterschiedliche Perspektiven führen zu besseren Entscheidungen. Die Mischung macht’s! Standespolitik lebt von einer Vielfalt an Lebensrealitäten, Arbeitsmodellen und Erfahrungen. Nur so entstehen tragfähige Lösungen für die Anforderungen unserer Zeit – sei es bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, auskömmlichen Honoraren, beim Personalmanagement, bei neuen Praxisformen oder bei der Nachwuchsförderung.
Deshalb geht mein Appell nicht nur an einzelne Kolleginnen, sondern an uns alle – Frauen und Männer: Unterstützen wir Frauen aktiv dabei, den Schritt in die berufspolitische Verantwortung zu gehen. Sprechen wir sie an, ermutigen wir sie, schaffen wir Räume für Engagement. Wenn wir gemeinsam in die Zukunft steuern wollen, müssen wir gemeinsam an Bord gehen.
Die Vollversammlung der Zahnärztekammer ist kein abstraktes Gremium – sie ist die Stimme unseres Berufsstandes. Und diese Stimme sollte so vielfältig sein wie wir selbst.
Ihre Dr. Barbara Mattner
Vizepräsidentin der Bayerischen Landeszahnärztekammer