BLZK-Spitze im Austausch mit der Pflegebevollmächtigten der Bundesregierung, Katrin Staffler, MdB
Die zahnmedizinische Betreuung Pflegebedürftiger ist eine Herkulesaufgabe. Die Bayerische Landeszahnärztekammer packt sie mit voller Kraft an – in diesem Herbst nicht nur mit dem Pflegetag der BLZK. Kammerpräsident Dr. Dr. Frank Wohl, Vizepräsidentin Dr. Barbara Mattner und der Pflegebeauftragte der BLZK, Dr. Frank Hummel, luden die Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Katrin Staffler, MdB, zum Austausch ins Haus der Bayerischen Zahnärzte ein. Die Gesprächsrunde drehte sich um die Fragen: Warum braucht die Mundhygiene einen festen Platz im Pflegealltag? Und wie kann die Bundesregierung dieses Ziel unterstützen?
Staffler: Ich danke Ihnen für die Einladung und freue mich, dass Sie die zahnmedizinische Versorgung Pflegebedürftiger zum Thema machen.
Wohl: Es ist ein Riesenthema, und es gibt Handlungsbedarf. Deshalb haben wir einen eigenen Pflegebeauftragten etabliert – übrigens als erste Kammer in Deutschland.
Staffler: Davon habe ich schon gehört und finde es toll.
Wohl: Dr. Hummel kümmert sich mit seiner Praxis seit vielen Jahren mit hoher Expertise, Leidenschaft und Engagement um die zahnmedizinische Versorgung Pflegebedürftiger. Staffler: Wie sind Sie eigentlich dazu gekommen, Herr Dr. Hummel?
Hummel: Ich bin seit ungefähr 40 Jahren approbiert, also bin ich ein alter Hase …
Staffler: Sagen Sie nicht alt, sagen Sie erfahren.
Hummel: Also, ich bin ein erfahrener Hase, und vor 30 Jahren hat mich ein Senioren- und Pflegeheim in der Nähe meiner Praxis gebeten, einen Patienten zu behandeln. Dann bin ich dort regelmäßig hingegangen, bald kam die nächste Einrichtung und die nächste.

Bei mir in der Praxis sind mehrere Zahnärzte angestellt. Das gesamte Personal hat einhellig entschieden: Wir wollen das weitermachen und professionalisieren. Dann haben wir Praxisautos und Koffer angeschafft. Das Feedback war toll. Sie wissen ja, wir Zahnärzte machen viel ehrenamtlich. Frau Dr. Mattner sorgt als Vorsitzende der LAGZ auch dafür, dass Zahnärzte ehrenamtlich in die Schulen und Kindergärten gehen, und das Ergebnis ist irre!
Staffler: Das machen Sie, Frau Dr. Mattner? Dann können Sie mir ja später noch Tipps geben, wie ich meinen vierjährigen Sohn dazu bringe, dass er sich abends die Zähne putzen lässt.
Mattner: Mache ich gern. Wichtig ist es, das Zähneputzen zu ritualisieren. Aber zurück zur Pflege, denn heute bin ich in meiner Funktion als Vizepräsidentin der Zahnärztekammer hier. Ich hatte mit meiner Einzelpraxis auch sechs Einrichtungen betreut und jetzt bin ich angestellt und betreue ein Heim.
Staffler: Ich stelle es mir durchaus schwierig vor, die Betreuung in einer Einzelpraxis umzusetzen.
Mattner: Ja, in der Zwischenzeit steht die Praxis still. Dann muss man schauen, dass parallel Verwaltung abgearbeitet wird. Hummel: Was Ihren Sohn angeht: Ich habe selber fünf Kinder und weiß, wie wichtig die Ritualisierung in der Prävention ist. Genauso kommt es bei den älteren Mitbürgerinnen und Mitbürgern darauf an, dass die zahnmedizinische Prävention von den Pflegekräften ritualisiert und verinnerlicht wird. Patienten mit Demenz beispielsweise achten zwar sehr auf ihre Prothesen, weil sie wissen, damit kauen sie. Aber sie lassen nicht gerne andere an ihren Mund heran, denn der Mund ist ja ein intimer Bereich. Bei diesen Patienten sind feste Rituale besonders wichtig, zum Beispiel, dass Toilettengang, Waschen und Zähneputzen morgens zusammengehören. An diese Dinge erinnern sie sich.
Wohl: In Bayern werden 82 Prozent der Pflegebedürftigen zu Hause versorgt. Es ist eine große Herausforderung, gute zahnmedizinische Prävention für Pflegebedürftige anzubieten. Welche Möglichkeiten haben Sie in Ihrer Funktion?
Staffler: Ich kann Themen in die Öffentlichkeit bringen, sie adressieren und Bündnisse schmieden. Außerdem bin ich bei allen Gesetzgebungsverfahren eingebunden, die sich mit Pflege beschäftigen, und kann durch Stellungnahmen Einfluss nehmen. Aktuell verhandeln wir in einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe die große Pflegereform. Darin sitzen die zuständigen Bundesminister, alle Länderminister und Senatoren, die für Pflege zuständig sind, sowie die kommunalen Spitzenverbände. Auch ich bin dabei und bringe die Sichtweise der Pflegebedürftigen ein.
Wohl: Ähnlich wie die Patientenbank im Gemeinsamen Bundesausschuss?
Staffler: Ein interessanter Vergleich. Tatsächlich ist es nicht meine Aufgabe, die Pflegekräfte zu vertreten, sondern in erster Linie die Interessen der Pflegebedürftigen und deren Angehöriger.
Wohl: Unser Thema ist, den Patienten auch in diesem Lebensabschnitt orale Gesundheit zu garantieren und entsprechende mundbezogene Lebensqualität. Da ist es aber besonders schwierig.
Staffler: Das wird mir oft berichtet. Wissen Sie, woran das liegt?
Mattner: Das hat viele Gründe: Früher hatte man ja eine Prothese, die war relativ leicht zu pflegen. Heute sind auch ältere Menschen zunehmend mit Implantaten versorgt, die gepflegt werden müssen. Angehörige kriegen oft die Teleskope nicht aus dem Mund heraus. Dann lassen sie es, weil sich der Patient wehrt.
Wohl: Im Pflegeheim wie auch in der häuslichen Pflege sehen wir unsere Patienten nicht mehr so häufig wie vorher – verständlich, weil andere Fachrichtungen und andere Probleme im Vordergrund stehen. Es kommen weitere Faktoren dazu: Ältere Menschen ernähren sich zuckerhaltiger, weil sie Süßes noch am besten schmecken können. Sie trinken in der Regel weniger und haben entsprechend weniger Speichel im Mund. Die Mundhygiene lässt nach. Soweit noch eigene Zähne vorhanden sind, haben sie eine andere Anatomie: Die Zähne werden länger, Wurzeln liegen frei. Zähne sauber halten wird definitiv schwieriger. Deshalb wollen wir die pflegenden Angehörigen und die ambulanten Pflegedienste erreichen. Ich stelle die Frage, ob Sie hier eine Botschafterin für uns sein könnten. Es ist noch ein Nischenthema, aber …
Staffler: … für breite Bevölkerungskreise relevant. Das sehe ich auch so.
Hummel: An die ambulanten Pflegedienste und an die Angehörigen heranzukommen, ist nicht einfach. Unsere Kapazitäten als Zahnärzte stoßen aber an ihre Grenzen. Eine politische Unterstützung wäre toll.
Mattner: Als Mitglied im bayerischen Bündnis für Prävention haben wir gesehen: Die bayerische Staatsministerin für Gesundheit, Pflege und Prävention, Judith Gerlach, tut alles, was sie von Bayern aus für die Prävention tun kann. Es wäre prima, wenn auch aus Berlin Unterstützung käme.
Staffler: Da können Sie auf mich zählen. Und es gibt ja mittlerweile eine ganze Reihe Anbieter, Angehörigenverbände und Verbände der Pflegeberufe, die Wissen vermitteln. Hier biete ich an, den Kontakt herzustellen.
Hummel: Sehr gerne.
Wohl: Die pflegenden Angehörigen könnten ebenfalls das Bewusstsein in die Pflegeheime hineintragen. Gerade auf dem Land gibt es viele Angehörige, die ihre Verwandten regelmäßig im Pflegeheim besuchen. Sie bringen ihnen etwas mit, gehen mit ihnen spazieren, und wenn wir sie entsprechend schulen, dann schauen sie sich die Zähne oder die Prothese an und putzen sie.
Hummel: Die Bedeutung der Mundgesundheit muss auch in der Ausbildung zur Pflegefachkraft besser verankert werden. Wird in der Bund-Länder-Arbeitsgruppe darüber diskutiert?
Staffler: Es gab vor einigen Jahren die große Pflegeberufereform, bei der die sogenannte Generalistik eingeführt wurde. Dabei wurden auch neue Rahmenlehrpläne für künftige Pflegefachpersonen entwickelt, die mindestens alle fünf Jahre bei Bedarf angepasst werden sollen. Ich bin mir sicher, dass dort auch die Mundgesundheit adressiert ist, aber vielleicht geht da noch mehr. Ich nehme das Thema gern mit und werde dahingehend sensibilisieren.
Mit Blick auf die aktuell tagende Bund-Länder-Arbeitsgruppe diskutieren wir, die Leistungen insbesondere im Pflegegrad 1 stärker auf Prävention auszurichten – mit dem Ziel, die Pflegebedürftigkeit beziehungsweise eine Verschlechterung so lang wie möglich hinauszuzögern. Aber konkret die Zahnmedizin ist dort bislang noch kaum ein Thema gewesen.
Wohl: Dabei sind wir die Arztgruppe, die am meisten Ahnung von Prävention hat. Ein Grund dafür ist, dass wir den Zusammenhang auf der Individualebene haben: Wenn sich 100 Leute ungesund ernähren und kaum Sport treiben, werden von den 100 sicherlich mehr Personen ein Herz- oder Kreislaufproblem kriegen als Leute, die so sportlich unterwegs sind wie Dr. Hummel. Man hat eine Wahrscheinlichkeit, aber es gibt immer Gegenbeispiele. Prävention in der Zahnmedizin funktioniert hingegen zu 99 Prozent auch auf der individuellen Ebene.
Staffler: Im zahnmedizinischen Bereich ist ja das Bonusheft seit vielen Jahren ein Erfolgsmodell.
Mattner: Die Krankenkassen haben Interesse daran, weil durch die Prävention enorm eingespart wird. Unser Anteil an den GKV-Ausgaben ist von über 15 Prozent auf 5,5 Prozent zurückgegangen. Ich gehe davon aus, dass die privaten Krankenversicherungen ebenfalls davon profitieren.
Hummel: Zahnmedizinische Prävention ist ein unglaublicher Erfolg, und den kann man auch auf die Pflegebedürftigen umsetzen.
Staffler: Und weil Prävention wirkt, versucht man jetzt in der Bund-Länder-Arbeitsgruppe, die Vorsorge zu stärken, insbesondere im Pflegegrad 1. Man muss aber auch schon vorher ansetzen, denn den stärksten Hebel hat man schließlich vor der eigentlichen Pflegebedürftigkeit.
Mattner: Zumal es schwieriger wird mit der Pflege, etwa wenn sich ein Demenz- oder Alzheimerpatient nicht mehr in den Mund schauen lassen will. Deshalb ist es so wichtig, dass die regelmäßige Mundhygiene frühzeitig im Bewusstsein ist.
Staffler: Richtig. Darum wird der Präventionsgedanke in den Eckpunkten des Abschlussberichtes der Bund-Länder-Arbeitsgruppe verankert sein. Bisher spielt hier aber eher Bewegung eine Rolle, Ernährung und Vereinsamung. Die Reform soll dann nächstes Jahr kommen, so dass noch Zeit bleibt, weitere Impulse gerade auch zur Zahngesundheit zu setzen. Das kam mir bislang noch zu kurz.
Wohl: Dabei gibt es vermehrt Studien, die Zusammenhänge zwischen Mundgesundheit und der allgemeinen Gesundheit belegen.
Staffler: Das glaube ich gern. Darum nehme ich die Thematik der Mundgesundheit mit und achte darauf, dass sie bei der Pflegereform mitgedacht wird. Auch Ihre Frage, wie Sie besser an Pflegedienste und die Pflegeschulen herankommen, nehme ich mit und spreche mit den Verbänden.
Hummel: Da halte ich Sie gerne auf dem Laufenden, denn wir sind ja in mehreren Bezirken in Gesprächen mit Pflegeschulen. In Unterfranken läuft das schon.
Wohl: Prima, dann lassen Sie uns gemeinsam dafür sorgen, dass Pflegebedürftige durch regelmäßige Mundhygiene in Zukunft besser kauen, sprechen und lächeln können. Geben wir ihnen mehr Lebensqualität, Selbstbestimmung und Würde. Vielen Dank für das Gespräch.
Koordination und Redaktion:
Julika Sandt, Leiterin der Stabsstelle
Politik der BLZK
KATRIN STAFFLER IM KURZPORTRÄT

Katrin Staffler hat Biochemie mit dem Schwerpunkt Immunologie studiert und anschließend als Pressesprecherin im Gesundheitswesen gearbeitet. Seit sie 2017 erstmals das Direktmandat für denBundestagswahlkreis Fürstenfeldbruck errungen hat, ist sie Mitglied der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag. Katrin Staffler hat in ihrem engsten Familienkreis einen Pflegefall und bringt daher Erfahrung in der häuslichen Pflege mit.